Leichtathletin Jana Schmidt : „Erst muss ich vernünftig gehen lernen“

Interimsprothese für zunächst ein halbes Jahr, maßangefertigter Rollstuhl, Krücken, ein Gehstock: Jana Schmidt kommt zu Hause in Klocksin schon gut zurecht mit ihrer neuen Situation. Gut gelaunt zeigt sie ihre Bronzemedaille von London 2012. Eine vierte Paralympics-Teilnahme ist zumindest nicht ausgeschlossen.
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Interimsprothese für zunächst ein halbes Jahr, maßangefertigter Rollstuhl, Krücken, ein Gehstock: Jana Schmidt kommt zu Hause in Klocksin schon gut zurecht mit ihrer neuen Situation. Gut gelaunt zeigt sie ihre Bronzemedaille von London 2012. Eine vierte Paralympics-Teilnahme ist zumindest nicht ausgeschlossen.

Leichtathletin Jana Schmidt befindet sich nach der Amputation wieder im „Training“. Start bei den Paralympics 2020 in Tokio nicht ausgeschlossen

nnn.de von
30. Dezember 2017, 16:00 Uhr

Leichtathletin Jana Schmidt, dreimalige Teilnehmerin an Paralympischen Spielen, lernt gerade laufen, und sie ist vergnügt dabei, denn es geht im wahrsten Sinne des Wortes voran: „Meinen Stock habe ich zwar immer dabei, aber wenn ich mutig bin, schaffe ich auch schon ein paar Meter ohne.“

Früher war die gebürtige Teterowerin einfach nur Hobbysportlerin. Bis sich
eine vermeintlich harmlose Schürfwunde als Riss sämtlicher Bänder im rechten Knie herausstellte. Auf Grund der Wunde und weil eine Thrombose hinzukam, konnte sie erst Monate später operiert werden. Solange wurde das Bein ruhiggestellt. Seitdem war es steif.

Mit ihrem Handicap ist Jana Schmidt zur erfolgreichen Leistungssportlerin avanciert. Sie erkämpfte drei Weltmeistertitel sowie 2012 in London Paralympics-Bronze im 100-m-Sprint. Doch schon damals machte sie sich Gedanken…

So war am 17. August 2012 in unserer Zeitung zu lesen: „Jana Schmidt stellt sich jetzt nicht hin und verlangt, dass ihr das rechte Bein abgenommen werden möge, aber im Kopf spielte sie durchaus schon durch, wie das Leben mit einer Prothese wäre: ,Es ist bestimmt viel angenehmer, gerade laufen zu können und nicht immer das Bein an der Seite langschlenkern zu müssen. Meine Konkurrentinnen haben es da leichter. Vanessa Low aus Leverkusen zum Beispiel mussten beide Beine amputiert werden. Sie kann auf zwei Prothesen bzw. Federn zurückgreifen und hat damit allein durch die Schrittlänge einen klaren Vorteil.’“

Direkt nach dem 100-m-Finale der Spiele 2016 in Rio de Janeiro gab die Mecklenburgerin das Ende ihrer Laufbahn bekannt. Am 23. August 2017 ließ sie im KMG Klinikum Güstrow Dr. Oliver Wittig, den Chefarzt der dortigen Orthopädischen Klinik,
den „Schlussstrich“ ziehen und sich von ihm den unteren Teil ihres rechten Beines praktisch mitten durch das rechte Knie amputieren. „Die Gelenkspalte zwischen den Knochen dient als Stütze, die Kniescheibe ist nach oben verschoben worden“, erläutert die 45-Jährige. „Bis jetzt funktioniert es gut. Ich bin Dr. Wittig auch dafür sehr dankbar, dass er verstanden hat, worum es mir bei dem Eingriff ging.“

Das Einzige, was sie daran bereue, sei, dass sie sich nicht schon viel früher dazu entschieden habe…

Der Schaft ihrer Prothese verdeckt jetzt zwar eine der Tätowierungen, die Jana Schmidt in zweistelliger Anzahl zusammengetragen hat, aber die Fachleute vom sie betreuenden Güstrower Sanitätshaus C. Beerbaum um den Orthopädie-Techniker-Meister Silvio Bartels hätten ihr versprochen, dass sie ihr die drei Totenköpfe (ihre Version der drei weisen Affen – nichts sehen, nichts hören, nichts sagen) in den Schaft einarbeiten würden.

Inzwischen befindet sich die dreifache Weltmeisterin wieder im „Training“ – ebenfalls in der Barlachstadt. „Dorthin zu kommen ist nicht das Problem, Autofahren kann ich mit dem Gaspedal auf der linken Seite. Ich bin jetzt in der Phase, wo ich erst mal vernünftig gehen lerne, mache fast jeden Tag vier Stunden ambulante Therapie. Danach weiß ich jedes Mal, was ich getan habe“, versichert die 1,59 m kleine Klocksinerin, die für den
1. LAV Rostock startete.

Das würde sie womöglich auch im Falle eines Comebacks wieder tun. „Alle anderen, vor allem mein Mann Andreas und mein Sohn Martin, überlegen für mich, haben Tokio 2020 schon gebucht“, sagt sie schmunzelnd zu diesem Thema, schließt jedoch aktuell die 100 m und den Weitsprung für sich aus. Von dem Aufwand und den Schwierigkeiten abgesehen, sich mit einem gesunden linken Bein und einer sprungfederähnlichen Prothese auf der anderen Seite erst einmal überhaupt in eine Leistungsansprüchen genügende Balance zu bringen, „muss ich nicht mit 50 gegen 20-Jährige antreten. Die Gegnerinnen könnten fast alle meine Töchter sein.“

Und doch will Jana Schmidt eine vierte Paralympics-Teilnahme nicht ausschließen: „Wenn, dann aber nur im Kugelstoßen, wenn das wieder ins Programm aufgenommen werden sollte, was schon mal im Gespräch war. In dieser Disziplin spielt auch das Alter nicht so die Rolle. Also das könnte ich mir eventuell vorstellen: Wenn ich erst mal wieder richtig stehen kann, noch mal die Kugel zu schubsen.“

Aber wie gesagt: Zuerst muss sie vernünftig gehen lernen. Dank des KMG Klinikums Güstrow mit Dr. Oliver Wittig und dem Ärztlichen Direktor Dr. Rolf Kaiser, der auch Mannschaftsarzt der deutschen Para-Leichtathleten ist, dank ihres Orthopädie-Partners mit Silvio Bartels und Firmenchef Christian Beerbaum sowie dank ihrer Therapeuten befindet sich Jana Schmidt auf einem guten Weg.

Die Amputation brachte einen positiven Nebeneffekt mit sich. Viele Jahre lang war sie auf Schmerzmittel angewiesen. Die sind jetzt weg. Beide. Die Schmerzen und die Mittel.

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