Ein Vize-Weltmeister gesteht: : Im richtigen Rudern bin ich absoluter Anfänger

Michael Hartmann ist Vize-Weltmeister auf dem Ergo. Um richtig rudern zu lernen, müsse er „ein Sabbat-Jahr nehmen".

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16. April 2019, 13:09 Uhr

Rostock |

Michael Hartmann vom Olympischen Ruder-Club Rostock ist als Bestandteil des Concept2-Teams Germany Vize-Weltmeister der Masters (Men’s 55-59) auf dem Ruder-Ergometer geworden. Seine Bestzeit von glatten sechseinhalb Minuten für die 2000 Meter ist im Februar in Long Beach in der Nähe von Los Angeles (Kalifornien) Silber wert gewesen – nur Johannes Marx (Saarbrücken/6:28,4) war geringfügig schneller.

Flickflack und Bodenturnen, das war nicht so seins

Der Brinckmansdorfer weiß, wie man die „Zugmaschine“ handhabt. Was allerdings das richtige Rudern angehe, sei er Quereinsteiger: „Als ich Ende der 1990er Jahre zum ORC kam, wollte ich eigentlich nur was für die eigene Fitness tun, ein bisschen Athletiktraining machen. Zu rudern war gar nicht mein Ansinnen.“

Hartmann treibt „mehr oder weniger“ Sport, seit er sechs Jahre alt war: „1967 fing ich mit Turnen an, machte das aber nur ein halbes Jahr, weil Flickflack und Bodenturnen für Jungs, das war nicht so meins. Danach war ich unter Trainer ,Manne’ Sinnhöfer viele Jahre beim Judo, allerdings nur mäßig erfolgreich. Es fehlte mir ein bisschen der Killerinstinkt, so dass es für die Sportschule nicht reichte.“

Beim „Trockenrudern“ fand der 1,93-Meter-Mann schließlich seine Bestimmung…

Mit einem alten Fahrrad fing alles an

• Zu „Vätern“ des Ruder-Ergometers wurden die früheren US-Olympia-Kandidaten Dick und Peter Dreißigacker, Gründer der Firma Concept2, als sie 1981 aus einem alten Fahrrad, von dem sie Sattel und Lenker auf dem Boden befestigten, das erste Ruder-Ergometer schufen.
• Die Brüder Dreißigacker entwickelten einst auch aus ehemals hölzernen die ersten Ruder-Riemen aus Kohlefaser sowie das asymmetrische Ruderblatt.
• Aktuelle deutsche Weltmeister auf dem Ergometer sind u. a. der Outdoor-WM-Sechste im Einer Oliver Zeidler (Donau-Ruder-Club Ingolstadt), der in Kalifornien in 5:42,6 Minuten für 2000 Meter den gesamten US-Riemen-Kader hinter sich ließ, sowie Jason Osborne (Mainzer Ruder-Verein von 1878/6:07,5), „draußen“ Leichtgewichts-Weltmeister ebenfalls im Einer.
• Die einzige Frau, die in Long Beach schneller war als Michael Hartmann und mit 6:25,6 Weltrekord fuhr, ist Olena Burjak von Spartak Kiew. Die 1,94 Meter lange 31-Jährige war bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro mit der Ukraine Vierte im Doppelvierer.
• Zu den „Inhabern“ des berühmten C.R.A.S.H.-B-Hammers, der Trophäe des Ergometer-Weltmeisters, gehört auch die Rostockerin Marie-Louise Dräger. Sie setzte sich 2009 in Boston im Leichtgewicht durch.
• Daria Arndt vom ORC Rostock ist im Januar 2019 in Essen-Kettwig (dem deutschen Boston sprich nationalen Nabel der Ergometer-Welt) Deutsche B-Jugend-Meisterin geworden.


Hoher Wellengang, Regen, wenn nicht gar Gewitter, im Winter zugefrorene Gewässer – all das kann Ruderern nichts anhaben: Allein in Kessin, wo Michael Hartmann trainiert, gibt es 15 Concept2-Geräte, an denen sie etwas für ihre Kondition tun können.

Man setzt sich einfach rauf und los

Weitere Vorteile über die Wetterunabhängigkeit hinaus: Kontrollier- und Abrechenbarkeit per Monitor. Und die ganze Sache ist zeitsparend: Man setzt sich einfach rauf und los.

Der Clou: Die Ergometer haben Rollen und lassen sich so auch rasch unter freien Himmel an die frische Luft transportieren.

Dreimal um die Erde gerudert

Michael Hartmanns ORC-Vereinskamerad Roland Köhler ist quasi so etwas wie eine Entsprechung aus dem „richtigen“ Rudern: Der seit kurzem 76-Jährige legt mit seinem Einer namens „Sünn“ fast bei jedem Wetter vom Steg ab, lässt sich nur von Eis und Gewitter abhalten.
Der Warnemünder, der beim ORC das elektronische Fahrtenbuch installierte und es bis heute pflegt, hat schon dreimal den Äquatorpreis erhalten, das heißt: dreimal rudernd die Erde umrundet!

Davon abgesehen, dass er laut eigenem Bekunden „wahrscheinlich ein Sabbat-Jahr nehmen müsste, dann könnte ich Rudern lernen“, kommt bei Michael Hartmann noch erschwerend hinzu, dass ausgerechnet einer wie er – Mitglied des ORC seit über 20 Jahren und in all der Zeit sportlich an einem Ruder-Traditions-Standort zu Hause – bekennender Paddler!, ein Vorwärtsfahrer! ist.

Der Spezialist auf dem Ruder-Ergo ist in Wahrheit Kanu-Fahrer

Dazu der 57-Jährige: „Meine Frau Liane und ich sind zehn Jahre Drachenboot gefahren, haben mit unseren Freunden vom SV Breitling und von den Kanufreunden Rostocker Greif Medaillen bei Deutschen Meisterschaften geholt, einmal, 2014 im italienischen Ravenna, sogar an WM teilgenommen. Und noch heute sind wir oft im Wanderkajak unterwegs, zum Beispiel in Schweden. Da kannst du wochenlang paddeln, bis der Arzt kommt.“

Rückwärts geht’s bei ihm freilich schon länger: 1999 bestritt er seinen ersten Ergometer-Wettkampf. Als ihm erst mal klar geworden war, dass er Talent hat, „kam ein bisschen der Ehrgeiz durch“. Dennoch liegt die Frage nahe: Was fasziniert ihn so an diesem, wie er es nennt, „seniorengerechten Leistungssport“?

Dass er „zumindest in meiner Altersklasse Einzelstarter und in MV mittlerweile ziemlich alleine“ sei, macht es dem Prüfingenieur beim TÜV Nord nicht leichter, relatives Weltniveau zu erreichen und zu halten. Aber er hat in Kessin Partner an seiner Seite, die ihn voranbringen.

Da ist zum einen mit René Burmeister der Olympiastützpunkt-MV-Trainer, der ihm die Pläne schreibt.

„René Burmeister kümmert sich ja eigentlich um die 18- bis 25-jährigen Leistungs-Ruderer, und dann kommt da so ein alter Knacker an, der es noch mal wissen will“, ist Michael Hartmann ihm dankbar.

Ein früherer Vize-Weltmeister als Trainingspartner

Große Stücke hält der Vize-Weltmeister zum anderen auf Bernd Meerbach. Den 75-Jährigen – DDR-Ersatzmann bei den Olympischen Spielen 1968 Mexiko, Vize-Weltmeister im Vierer mit Steuermann 1970 – schätzt er als Top-Trainingspartner und Ratgeber von hoher Kompetenz.

Bliebe, last but not least, Michael Schürmann zu erwähnen. Der Vorsitzende der Rudervereinigung Kappeln war mit in Long Beach und hat Michael Hartmann auf seinem Weg zum Vize-Weltmeister gecoacht:

Foto: Sybille Meier
Sybille Meier
Foto: Sybille Meier


In der UWV habe er mindestens vier- bis sechsmal die Woche trainiert, neben ein, zwei Stunden Athletik hauptsächlich auf dem Ruder-Ergometer, „in der Regel so 15, 16 Kilometer pro Stunde in unterschiedlicher Intensität“, berichtet Michael Hartmann, Vater zweier Kinder und Opa von Milo (21 Monate).

Dies alles für den großen Tag, den 24. Februar 2019, in einer 4000 Zuschauer fassenden Mehrzweck-Arena:

Der gebürtige Rostocker war zuvor schon einmal Vierter der (damals noch inoffiziellen) WM, bei den sogenannten C.R.A.S.H.-B-Sprints 2017 in Boston.

Bislang nur vier-, fünfmal im Jahr im Doppelzweier

Natürlich seien auch die Weltmeisterschaften 2020 in Paris für ihn ein Thema. „Schon allein“, verrät er augenzwinkernd, „weil es da keine neun Stunden Zeitverschiebung gibt. Die haben in Long Beach bei vielen ziemlich reingeknallt.“

Bis es soweit ist, wird sich Michael Hartmann gewiss auch im „wahren“ Rudern weiterentwickelt haben. Nicht zuletzt dank Mario Minge (früher DDR-Nationalmannschaft), mit dem er „vier-, fünfmal im Jahr im Doppelzweier“ sitzt.

UWV = Unmittelbare Wettkampfvorbereitung

Literaturtipp: Arno Boes „111 Gründe, das Rudern zu lieben“ (darunter auch sechs, Nummer 78 bis 83, in einem eigenen Kapitel zum Thema Ergometer), ISBN 9783942665582

Videobearbeitung: Lennart Stahlberg


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