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Rudern Aus den Spikes ins Ruderboot

Von bjar | 25.08.2018, 10:42 Uhr

Früher 1. LAV, jetzt ORC: Paula Stolzmann startet bei den U23-Europameisterschaften in Brest zum ersten Mal für Deutschland

Am 1./2. September finden in Brest (Weißrussland) die U23-Europameisterschaften im Rudern statt. Diese sind zwar bei weitem nicht mit WM vergleichbar – für Paula Stolzmann vom ORC Rostock jedoch stellen sie den ersten großen Schritt auf die internationale Bühne dar und von vornherein ihren bislang größten sportlichen Erfolg. Denn Paula ist erst seit drei Jahren wirklich Ruderin, stieg mit 19 und damit im „fortgeschrittenen Alter“ ins Boot und damit eigentlich zu spät. Vorher war die heute 22-Jährige eine talentierte Leichtathletin.

Mit viereinhalb Jahren begann sie beim Hanseturnverein ihre Sport-Laufbahn. „Ich wurde dann aber irgendwann zu groß (heute: 1,76 Meter – d. Red.) und bin mit meiner Trainerin Frau Pausche zum 1. LAV gewechselt.“ Paula lief viel Staffel, zweimal war sie Norddeutsche Meisterin über viermal 100 Meter, rannte u. a. mit den Beinlich-Zwillingen in einem Team. Viele Medaillen hängen daheim in der KTV an einer Gardinenstange. Ebenso findet sich dort noch manches Paar Spikes: „Die stauben ein, und mir blutet das Herz.“

Denn irgendwo, sie streitet es nicht ab, trauert Paula der Leichtathletik noch hinterher: „Herr Mirow hat mich zur Weit- und Dreispringerin gemacht. Die meiste Zeit habe ich dann unter Herrn Schörling trainiert, mich aber irgendwann leider nicht mehr weiterentwickelt. Hinzu kam eine Verletzung am rechten, meinem Sprungfuß, die operiert werden musste. Ich hatte die Nase voll, wollte was Neues ausprobieren.“

Nachdem sie zwischenzeitlich schon beides parallel praktizierte – Leichtathletik und Rudern – und sich zunächst noch gegen den Wassersport entschied, „war mir 2015 klar, ich brauche einen neuen Anreiz“. So wechselte die gebürtige Rostockerin vom Barnstorfer Wald nach Kessin und „biss sich durch“, so Olympiastützpunkt-Trainer René Burmeister. „Anfangs fuhr sie nur Niederlagen ein, aber dass sie dann (im Mai bei der Hügelregatta in Essen mit Franziska Wittig aus Pirna als bester „Zweier ohne“ in der U23-Wertung – d. Red.) gemeinsam mit ihrer Trainingsgefährtin auf dem Treppchen stand, war wie gemalt und top für die Motivation.“

Platz drei im „Vierer ohne“ sechs Wochen später bei den Deutschen Jahrgangs-Meisterschaften in Köln brachte Paula Stolzmann die Nominierung für die EM. Und das hat die künftige Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin im dritten Ausbildungsjahr an der Uni-Klinik geschafft, obwohl sie „nebenbei“ im Drei-Schicht-System arbeitet, beispielsweise, wenn sie Frühdienst hat, sechs Uhr morgens auf der „Matte“ stehen muss!

Für Weißrussland nimmt sich Paula Stolzmann vor, zusammen mit ihren Bootspartnerinnen Wittig, Tamara Vukotic (Leipzig) und Silja Runge (Hamburg) „erst mal ins A-Finale zu fahren, das ist realistisch. Ich bin im letzten U23-Jahr, mein Fokus liegt voll auf Brest, da hänge ich mich rein. Alles, was danach kommt, wird man sehen.“

An mangelndem Glück sollte es nicht scheitern – solange sie ihr Talisman begleitet, eine Silberkette von Schwester Anna-Lena (17) mit Herz-Anhänger: „Die habe ich Tag und Nacht um.“