Olympia-Team kalt erwischt : Doping-„Albtraum“ für Sachenbacher-Stehle

Thomas Bach wird bei seinen ersten Winterspielen als IOC-Präsident vom Doping-Fall der deutschen Evi Sachenbacher-Stehle überrascht. Die Biathletin beteuert ihre Unschuld: „Erlebe schlimmsten Albtraum.“

nnn.de von
21. Februar 2014, 12:17 Uhr

Schock für das deutsche Olympia-Team und ein Doping-Trauma für Evi Sachenbacher-Stehle: Der positive Test der Biathletin bei den Winterspielen hat die deutsche Sotschi-Delegation mitten in ihrer sportlichen Misere eiskalt erwischt. „Ich erlebe gerade den schlimmsten Albtraum, den man sich vorstellen kann“, klagte die 33-Jährige am Freitag in einer von ihrem Management verbreiteten Erklärung. „Ich kann im Moment allen Beteiligten nur ausdrücklich versichern, dass ich zu keinem Zeitpunkt bewusst verbotene Substanzen zu mir genommen habe“, beteuerte Sachenbacher-Stehle. Sie werde alles daran setzen, „diese Sache lückenlos aufzuklären“.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) teilte mit, dass sie bei einer Doping-Kontrolle am Montag nach ihrem vierten Platz im Massenstart-Rennen sowohl in der A- als auch in der B-Probe positiv auf das Stimulanzmittel Methylhexanamin getestet wurde. Die Athletin sei daraufhin aus dem Olympia-Team ausgeschlossen und „ihre sofortige Rückreise veranlasst und umgesetzt“ worden. Über weitere Konsequenzen werde im Laufe des Verfahrens entschieden, das vom Biathlon-Weltverband IBU eingeleitet werden muss, hieß es in der DOSB-Mitteilung.

„Der DOSB steht für einen dopingfreien Sport und eine Null-Toleranz-Politik. Wir streben nur sauber erzielte Leistungen an“, erklärte Chef de Mission Vesper. „Jeder Dopingfall ist zuerst einmal eine große Enttäuschung. Er ist aber auch ein Beleg dafür, dass das Kontrollsystem funktioniert.“ 

Sachenbacher-Stehle führt den positiven Test auf die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln zurück. „Ich kann mir überhaupt nicht erklären, wie es zu der positiven Probe gekommen ist“, sagte sie.

Entsprechende Athleten-Nahrung habe sie im Labor vorher überprüfen beziehungsweise „mir die Unbedenklichkeit von den Herstellern bestätigen lassen“, um auf der sicheren Seite zu sein.

Ein Ärgernis ist die Causa auch für den deutschen IOC-Chef Thomas Bach, der bei seinen ersten Winterspielen als Präsident den Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ausgerechnet einen Doping-Fall eines deutschen Athleten aufarbeiten muss. „Es ist zuallererst ein singuläres Problem“, sagte DOSB-Chef Hörmann. „Dass wir uns dieses Thema gerne erspart hätten, alle gemeinsam, ist vollkommen klar. Ohne wäre es um Längen schöner gewesen.“ Die enttäuschende Medaillen-Ausbeute drückte schon vorher mächtig auf die Stimmung. Von seinem 30-Medaillen-Ziel ist das deutsche Team zwei Tage vor der Schlussfeier weit entfernt.

Der DOSB wurde bereits am Donnerstagabend vom IOC über den positiven Befund informiert. „Für mich ist das wirklich ein Schock, weil ich sie so eingeschätzt habe, dass sie in ihrem Alter einen solchen Fehler nicht begeht“, sagte Biathlon-Cheftrainer Uwe Müssiggang. „Es ist leichtfertig, wenn sie so eine ganze Sportart in Verruf bringt“, fügte Müssiggang hinzu.

Biathlon-Rekordweltmeisterin Magdalena Neuner reagierte ungläubig auf die Nachricht. „Ich persönlich glaube an Evis Unschuld“, sagte die zweimalige Olympiasiegerin der dpa und sprach von einer „Riesentragödie für Evi“. Der Fall werfe „ein echt schlechtes Licht auf den deutschen Biathlonsport, was natürlich vor allem im Moment eine Riesenkatastrophe ist.“ 

IOC-Präsident Bach hatte als eine seiner ersten Amtshandlungen die Rekordzahl von 2453 Doping-Tests bei den ersten Spielen unter seiner Ägide angeordnet. Sachenbacher-Stehel ist in Sotschi der zweite Doping-Fall. Kurz zuvor bestätigte das Nationale Olympische Komitee Italiens (CONI), den Bobfahrer William Frullani „wegen Dopings“ aus dem Olympia-Team ausgeschlossen zu haben.

Die ehemalige Ski-Langläuferin Sachenbacher-Stehle wechselte vor zwei Jahren zum Biathlon. „Sie hat sich nichts vorzuwerfen. Sie verachtet sowas und würde niemals dopen“, sagte ihr Bruder Josef Sachenbacher der „Bild“-Zeitung. Die populäre Athletin aus Reit im Winkl war 2006 am Tag vor der Eröffnung der Winterspiele in Turin wegen erhöhter Blutwerte mit einer fünftägigen Schutzsperre belegt worden und musste beim Auftakt der Ski-Langläuferinnen zuschauen.

Bei den Winterspielen 1972 in Sapporo war Eishockeyspieler Alois Schloder als bisher einziger Deutscher bei Winterspielen positiv getestet worden. Ihm wurde die Einnahme des Stimulanzmittels Ephedrin nachgewiesen. 2002 hatte der Blutdoping-Fall des Ski-Langläufers Johann Mühlegg bei den Spielen in Salt Lake City für einen Skandal gesorgt. Der gebürtige Deutsche startete allerdings für Spanien.

Die deutschen Biathleten in Sotschi zeigten sich entsetzt von dem positiven Test. „Ich habe es gerade auf dem Handy gelesen. Und kann es gar nicht glauben“, sagte der ehemalige Sprint-Weltmeister Arnd Peiffer. Der für die abschließende Männer-Staffel am Samstag als Schlussläufer vorgesehene Simon Schempp stellte fest: „Das ist ein extremer Schock.“ 

Auch Kombinations-Olympiasieger Eric Frenzel traf die schlechte Nachricht hart. „Das ist ein ganz schöner Hammer“, sagte der 25-Jährige der ARD. Alle seien überrascht, dass es so etwas in Deutschland geben könne, da das Doping-Kontrollsystem einfach viel zu gut sei. „Von daher hat es einem schon die Füße vom Boden gezogen“, meinte Frenzel.

„Wer sich so lange mit der Dopingproblematik beschäftigt wie ich, ist so leicht nicht mehr zu schockieren“, meinte Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag. „Also ist die Nachricht weder wirklich schockierend noch überraschend.“ 

Ski-Ass Maria Höfl-Riesch blieb am Rande des Slaloms an Freitag verständlicherweise wortkarg. „Ich habe mich nicht weiter damit beschäftigt. Das will ich an meinem letzten Olympia-Tag auch nicht müssen“, meinte die dreimalige Olympiasiegerin.

Dafür meldete sich Dopingexperte Werner Franke umso lauter zu Wort. „Das ist ja ein Déjà-vu. In Turin 2006 - volle Pulle“, sagte der Heidelberger Professor der Nachrichtenagentur dpa. Und: „Ich bin nur überrascht über die Dummheit, dass man sie noch so lange vor dem Wettkampf laufen lässt.“ Biathlon sei eine „versaute Sportart“, meinte Franke. In den vergangenen Jahren seien hier Athleten wegen Dopings „ja serienweise aus dem Wege geräumt worden“.

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